Mehr als 30 Gäste aus der Region Tschernobyl

Kinder aus Gomel wurden in Northeim von ihren Gastfamilien begrüßt

Kinder aus der Region um Tschernobyl verbringen bei Gastfamilien im Kirchenkreis Leine-Solling vier Wochen lang ihre Ferien.

Northeim. Ein Handy klingelt. »Der Bus ist jetzt gerade auf der Autobahn«, ruft eine Frau den anderen Wartenden im Gemeindehaus neben der Apostelkirche in Northeim zu. »Ach, schön«, antworten einige andere, »dann war das Flugzeug ja in diesem Jahr pünktlich und dann müssten sie in einer Stunde hier sein.«
Sie, das sind Kinder aus der Region um Tschernobyl, die in Gastfamilien im Kirchenkreis Leine-Solling vier Wochen lang ihre Ferien verbringen. Mehr als 30 Kinder aller Altersklassen, einige der jüngsten sogar mit ihren Müttern und nicht wenige, die bereits im vergangenen Jahr zu Gast in Deutschland waren. Seit 1991 gibt es die Aktion der Landeskirche, seit mehr als 20 Jahren ist Cornelia Jäger aus Northeim dabei, die die Kinderfreizeit im Kirchenkreis gemeinsam mit Birgit Somnik, Jassi Stenzel, Sabine Blumberg, Katja Opolka und Ute König organisiert.

Auch viele der Gasteltern machen seit vielen Jahren mit, so dass sie die Kinder jetzt erwarten wie lange nicht gesehene Familienmitglieder. »Sie sind jetzt gerade bei Hildesheim«, gibt es einen neuen Lagebericht. »Dann lasst uns doch noch ein Willkommensplakat malen«, schlägt jemand vor und schnell greifen alle zu einer großen Pappe und Stiften und malen drauflos.

Im April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl die unvorstellbare Katastrophe. Radioaktivität wurde freigesetzt und bedrohte nicht nur die damalige Sowjetunion, sondern alle angrenzenden Länder bis nach Westeuropa. Die Stadt Prypjat wurde evakuiert und ist heute eine Geisterstadt, die selbst apokalyptische Computerspielwelten in den Schatten stellt. Menschen, die damals dachten, sie könnten eines Tages in ihre Heimat zurückkehren wurden umgesiedelt und leiden zum Teil bis heute an den Spätfolgen wie einem stark erhöhten Risiko von Krebserkrankungen. Auch die Region um die weißrussische Stadt Gomel, aus der die Kinder stammen, gilt als eines der am meisten kontaminierten Gebiete.

»Die Kinder, die in den ersten Jahren zu uns kamen, hatten oft nicht mehr als einen Turnbeutel bei sich, weil sie kaum etwas besaßen«, erzählen einige der Gasteltern. Das hat sich zum Glück ein wenig geändert, doch die Hilfe ist nach wie vor dringend nötig. »Für die Kinder wirkt sich der vierwöchige Besuch hier nachweislich positiv auf ihre Gesundheit aus«, betont Superintendent Jan von Lingen bei der Begrüßung. Hinzu kommt die Freude über all die Möglichkeiten, die sich hier bieten, vom Schwimmbad-, Freizeitpark- oder Zoobesuch bis hin zur einfachen Fahrradtour, die zum Erlebnis wird.

Seit Beginn der Kinderfreizeiten nahmen landeskirchenweit mehr als 28.000 Kinder daran teil und nicht selten entwickelten sich enge Freundschaften, die die Zeit überdauerten und im Privaten auch mit Gegenbesuchen fortgesetzt wurden. Dass dabei aufgrund der Sprachbarriere oft mit Händen und Füßen kommuniziert werden muss, stört niemanden. Zu wertvoll sind die Erfahrungen, die bei diesem kulturellen Austausch auf beiden Seiten gemacht werden.

»Der Bus kommt!«, ruft plötzlich jemand und alle stürmen nach draußen. Wenige Minuten später fallen sich Kinder und Erwachsene in die Arme, manche noch etwas schüchtern, andere sichtlich von Wiedersehensfreude ergriffen. Nach einigen offiziellen Begrüßungsworten und -geschenken, auch durch den stellvertretenden Northeimer Bürgermeister Wolfgang Haendel, wird erst einmal gemeinsam gegessen, dann erobern die Kinder den Spielplatz – genau so, wie Kinder überall auf der Welt spielen, wenn sie nicht durch die komplexe und gefährliche Welt der Erwachsenen davon abgehalten werden.LS-Pd