Turnen

»DAT« feierte 75-jähriges Jubiläum in Northeim

Am 13. September 1947 wurde der Deutsche Arbeitsausschuss Turnen in Northeim gegründet

Die Zeitzeugen von 1947 (von links): Heinz-Willi Elter (Vorsitzender Turnkreis Northeim-Einbeck), Helga Brun (Gillersheim), Manfred Fischer (Moringen), Jonny Schmidt-Wilke und Helmut Schardt (beide Northeim), Kurt Böker (Echte)

Northeim. 40 begeisterte turninterressierte Bürger aus dem Landkreis Northeim nahmen an der Jubiläumsveranstaltung 75 Jahre Gründung des »Deutschen Arbeitsausschusses Turnen« am 13. und 14. September 1947 in Northeim, die kürzlich im historischen Bürgersaal stattfand, teil. Der Vorsitzende des Turnkreises Northeim-Einbeck Heinz-Willi Elter eröffnete die Jubiläumsveranstaltung mit einer turnerischen Akrobatikvorführung, die von der Musik Circus Roncalli begleitet wurde. Höhepunkt der Vorführung war das Turnen und Hochklettern an einer drei Meter langen Holzstange. Lang anhaltender Beifall war der Lohn der Turndemonstration. Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Northeim, Malte Schober, und der Vizepräsident des Niedersächsischen Turner-Bundes Christoph Hanning haben Grußworte gesprochen.

Zur Einstimmung in die Bedeutung der Gründung des »DAT« 1947 in Northeim schilderte Heinz-Willi Elter die Entstehung der Turnbewegung von 1811 auf der Hasenheide in Berlin bis zum Stillstand nach nach dem ­2. Weltkrieg 1945. Der Turnvater Friedrich Ludwig Jahn turnte mit Schülern öffentlich seit dem 19. Juni 1811 auf dem Turnplatz in der Hasenheide. Das war die Geburtsstunde der Turnbewegung und des Turnens an Geräten. Für Jahn umfasste der Turnbegriff damals die Gesamtheit jeder körperlichen Bewegung: Leichtathletik, Schwimmen, Wandern, Ringen, Fechten, Spiele, Singen, Turnen an den Geräten Barren, Reck und Pferd. Der heutige Begriff »Sport« ist der Oberbegriff jeder körperlichen Bewegung wie damals der Begriff »Turnen«.

Zur Abwechslung turnten wieder zwei andere Turnmädchen vom MTV Garlebsen-Ippensen synchron auf der Langbank und Bodenturnen auf einem Airtrack nach der Musik »One moment in time«. Handstandüberschläge und Flick-Flack erfreuten die Jubiläumsgäste.

Im zweiten Vortrag erklärte Heinz-Willi Elter die Bedeutung der Gründung des »DAT« 1947 in Northeim für die deutsche Turngeschichte. Warum der »DAT« 1947 in Northeim durchgeführt wurde, hängt mit Kollege Zufall zusammen. Die beiden Turner Friedel Bornemann und Güther Mattern sind mit dem Zug zu dem Kunstturnwettkampf Englische gegen die Amerikanische Besatzungszone am 1. Juni nach Hof mit dem Zug gefahren. Auf der Rückfahrt von Hof nach Northeim wurden sie im überfüllten Zug Zeuge eines Gespräches. Der Rheinländer Walter Gleffe (Geschäftsführer des am 20. Januar 1947 gegründeten Zonen-Turnausschuss der britischen Zone) und der aus Essen stammende Fritz Brodow­ski unterhielten sich darüber, wo im Herbst der Rückkampf der englischen gegen die amerikanischen Besatzungszone stattfinden könne.

Auch sie rechneten mit 7.000 bis 10.000 Zuschauern. Angesichts der Tatsache, dass nach dem Krieg in den Städten alle großen Hallen durch die Luftangriffe zerstört waren, berichteten Friedel Bornemann und Günther Mattern von einer wunderschönen und höchst ­geeigneten Anlage der Freilichtbühne Niedersachsen am am Gesundbrunnen in Northeim, der heutigen Waldbühne auf der 10.000 Zuschauer Platz haben. Walter Gleffe war dankbar für diese Anregung. Einen Monat später kam bereits die Zusage. Die Freilichtbühne wurde als Austragungsort für den Kunstturnwettkampf der Besatzungszonen terminiert.
Für die Stadt Northeim war es eine Ehre, dieses wichtige Ereignis auszurichten. Die Organisation wurde von dem Verein »Sportfreunde Northeim« übertragen. Die Stadtverwaltung Northeim unter der Leitung des Stadtdirektors Adolf Galland und des Bürgermeisters Hermann Fließ unterstützte die Vorbereitungen. Als hauptamtlicher Geschäftsführer wurde Friedo Kopp eingestellt.

Im Rahmen des Wettkampfes fand am 13. September 1947 die Sitzung der Abgeordneten aus den Zonenturnausschüssen im alten Northeimer Rathaus am Entenmarkt im Sitzungssaal statt, in der der »Deutsche Arbeitsausschuss Turnen« gegründet wurde. Eine bronzene Ehrentafel an der Vorderfront des alten Northeimer Rathauses am Entenmarkt hat den Wortlaut: »Am 13. September 1947 wurde in diesem Haus der »Deutsche Arbeitsausschuss Turnen« gegründet, der Wegbereiter des Deutschen Turner-Bundes«.

Der Turnwettkampf selbst fand am 14. September 1947 vor 10.000 begeisterten Zuschauern in der Freilichtbühne statt. Er war zugleich die erste deutsche Kunstturnmeisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Bester Einzelturner und damit Kunstturnmeister wurde Inno Stangl aus München mit 49.75 von 50 erreichbaren Punkten, es war eine meisterhafte Leistung nach seinem Olympiasieg 1936 in Berlin.

Heinz-Willi Elter hatte im Vorfeld der Jubilämsveranstaltung viele Bürger gefragt, ob es den Sitzungssaal im alten Rathaus noch gibt, wo der »DAT« gegründet wurde. »Kein Bürger konnte mir eine positive Auskunft geben. ­14 Tage vor der Jubiläumsveranstaltung habe ich mir den Entenmarkt und das alte Rathaus selbst angeschaut. Die Vorderfront besteht aus Fachwerk. Bei der Hinterfront des Rathauses ist mir aufgefallen, dass ein Teil des Gebäudes aus festen Mauersteinen besteht. Als ich mir den Innenraum näher anschaute, stellte ich fest, dass ich auf den alten Sitzungssaal gestoßen bin«, berichtet Elter.

Der Höhepunkt waren die fünf Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen und Geschichten vom »DAT« und dem Turnwettkampf vor 10.000 begeisterten Zuschauern berichteten. Helga Brun aus Gillersheim erzählte, wie sie mit 13 Jahren in Begleitung mit ihrem Vater, der auch Turner war, nach Northeim fuhren. Die Besonderheit der Fahrt war, dass sie mit einem Lastwagen fuhren, der mit einem Holzvergaserofen angetrieben wurde. Unterwegs musste Holz noch nachgelgt werden und er Lastwagen qualmte ganz schön.

Die Sitzfläche war auf der Ladefläche des Lastwagens, wo Bänke standen. Die Begeisterung der Zuschauer bewegt sie noch heute. Manfred Fischer aus Moringen war 10 Jahre alt und ist mit seiner Mutter mit dem Fahrrad nach Northeim gefahren. Er fand den Turner Alfred Schwarzmann toll. Während seiner ­beruflichen Ausbildung im Harz, war dieser sein Turnlehrer. Später als Fachwart für das Turnen der Älteren in Niedersachsen war Manfred Fischer der Übungsleiter für den Weltklasseturner Alfred Schwarzmann. Unglaublich.
Helmut Schardt aus Northeim war als Kind von der Ansammlung so vieler Menschen in der Freilichtbühne überrascht und alle Zuschauer verfolgten mit Spannung und Applaus den Wettkampf.

Kurt Böker aus Echte ist jeden Sonntag mit dem Fahrrad nach Northeim zum Turntraining gefahren, das von 9 bis 12 Uhr stattfand. Er hat beim Deutschen Turnfest in Hamburg gegen Adalbert Dickut geturnt, der 1947 in Northeim der jüngste Turner war.

Jonny Schmidt-Wilke aus Northeim, die 1947 mit 20 Jahren die Bürokraft von Friedo Kopp war, der für die Veranstaltungen am 13. und 14. September 1947 in Northeim für ein halbes Jahr als Geschäftsführer ein­gestellt wurde. Schmidt-Wilke erzählte eindrucksvoll wie das Team die beiden Veranstaltungen mit vorbildlicher Unterstützung der Stadt planten und durchführten. Sie sagte, dass es eine Ehre war für die Stadt Northeim, so eine Großveranstaltung durchzuführen. Der Vorteil der Kleinstadt war, dass die Stadt das Rathaus für die Gründung des »DAT« bereitstellten. Das Planungsbüro war nur 100 Meter vom Rathaus entfernt.

Das Hotel Goldener Löwe war gleich neben dem Planungsbüro von Friedo Kopp und dem Rathaus. Kurze Wege und die Begeisterung der Vorbereitungsgruppe war die Grundlage für den Erfolg der beiden Veranstaltungen im September 1947. Jonny Schmidt-Wilke erzählte die anfallenden Arbeitsabläufe, als wäre es gestern gewesen.

96 Jahre wird sie am 2. Oktober 2022. Sie erzählte eindrucksvoll, wie die Freilichtbühne, die verwildert und zugewachsen war, hergerichtet werden musste für den 14. September 1947. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Jubiläumsverstaltung 75 Jahre »DAT« ein voller Erfolg war. Die Berichte der Zeitzeugen war das Sahnehäubchen, die mit viel Beifall belohnt wurden.
Um 17 Uhr war die offizielle Jubiläumsveranstaltung beendet. Der Vorstand des Turnkreises Northeim-Einbeck hat alle Jubiläumsgäste für einen Imbiss, Getränke und Gespräche eingeladen. Die letzten Gäste gingen um 18.30 Uhr.oh

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